Lichtgrau

Im Dialog von Moritz Heger mit dem Maler Christian Lang entstehen Paare von Gedichten und Reibetusche-Bildern. 2017 wurde eine Auswahl im Stuttgarter Schriftstellerhaus ausgestellt. Dazu kam der Band Lichtgrau heraus. Teile dieses Dialogs erschienen in den Zeitschriften miromente und Krautgarten. 

Krähe


Nie tust du mir Kuchen auf den Grund des Mülleimers
immer ist dein Müll voll Müll bis unten und zuletzt
steht drin Stinkebrühe meinst du ich nur weil ich
drin mit meinem Schnabel wühle wüsste nicht was Müll
ist wenn einer weiß was Müll ist dann doch ich

Aber Ostern schau nur sknospt an Ostern
da versteckst du mir versprochen gell versprochen
einen ganzen runden Muffin ganz weit unten drin
sorgsam schichtest du den Müll dann wieder ein und ruhst
eher nicht als bis es echter ausschaut als zuvor

Wär ich nur ich selber wär ich auch ein Künstler aber als
Vogel trägt man immer schwer den Saurier mit da kann man
hüpfen wie man will und schwirren selbst der Kolibri

Wie ein Daddy schaust du ich bin doch kein Kind mehr mir
zu bei der Zerstörung deines Kunstwerks zu bei meiner Gier

Frisch vom Schreibtisch


 

Rehe 

 
Das Kitz da am Waldessaum 
auf vier zerbrechlichen Beinen 
neben den zischenden Autos 
blickt es dich an 
die Lauscher spielen doch es flieht 
nicht sondern steht  
auf der Grenze   
 
Von diesem Tag an gewahrst du sie 
an sämtlichen Ausfallstraßen der Stadt 
stehen Rehe 
sie sind keine Flüchtlinge mehr 
halten uns nicht mehr den Spiegel vor 
das ist vorbei 
Rehe sehen uns an 
 

Halle Hangar 

 
Als ich endlich tief tief drinnen 
nach vielen vielen engen Kehren 
ins Freie trat wars 
Halle Hangar riesig 
gänzlich leer  
einzig ein Besen lehnte 
altmodischer Reißigbesen 
gemacht aus Natur 
das ist also der Himmel 
dachte ich und wunderte mich 
nicht dass auch hier noch 
dieses altmodische Ich 
war das der Hangar der Engel? 
doch keiner hing herum 
da kannst du lange Du sagen 
dachte ich und dann machte ich 
mich ans Kehren 
 

Tote Sprache

 
Als die Saurier uns endlich ganz
ausgegraben hatten
stäubten sie mit fast zärtlicher Quaste
die letzten Körnchen
vom Knochenkollektiv
schwangen die kleinen Köpfe aus großer Höhe herbei
versuchten sich einen Reim zu machen
doch keiner konnte sagen und das lag nicht
an ihren Hirnen
wie viele wir wirklich
Individuen mein ich
oder waren all die Teile
einander gleich in der Farbe bleich
Gliedmaßen eines Wesens gewesen?
es war nicht zu klären so ließen 
sie uns liegen und ästen


Hermes

 
Wer würdigt mal endlich das Styropor
wer würdigt seine zwei Naturen
seinen dienenden Sinn und seine himmlische Herkunft
nicht umsonst liefert Hermes dir das Paket 
mit dir drin 
ein Südländer der es eilig hat wuchtet
es bis zur Wohnungstür akzeptiert
deinen Krakel als Unterschrift auf seinem smarten 
Gerät und geht und voll Ungeduld 
ziehst du das Teppichmesser durch
und da liege ich wie ein rohes Ei
in den Mutterhänden des Styropors 
das ich als Kind zerbröselt hab bis
die Kügelchen überall klebten 
gar nicht zu sammeln waren vor Klebrigkeit
aber im Ganzen sind sie so glatt so weiß 
so schön die Formen viel schöner als ich 

Scheues Tier

 
Im letzten Winkel der Wildnis 
habt ihr die Fotofalle platziert
natürlich perfekt getarnt als Natur  
und wirklich das scheue Tier erwischt
das man ausgestorben glaubte
vielleicht das letzte seiner Art
aber nicht dass es nur vorüberhuscht 
nein voll Neugier äugt es ins Objektiv
und sein millionenfacher Blick 
besucht uns in unseren Winkeln